Kammerpräsidentin Klarmann: „Wir verstehen uns als Sprachrohr der Pflegenden gegenüber der Politik“

Erst seit drei Wochen ist Nadya Klarmann Präsidentin der Pflegekammer Niedersachsen. Jetzt stellt sie sich den Fragen von CareCloud®. Waren zum Zeitpunkt ihrer Wahl noch der interne Zwist in der Pflegekammer, mit der Politik und die mangelnde Akzeptanz bei den Pflegefachkräften in Niedersachsen die beherrschenden Themen, ist all dies der Sorge vor dem Virus gewichen.

CC: Sie sagten nach Ihrer Wahl, dass die Kammer menschlicher werden und sich näher an den Mitgliedern bewegen müsse. Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Klarmann: „Die Pflegekammer Niedersachsen – das sind alle Pflegefachpersonen in Niedersachsen. Wir werden zeitnah eine Arbeitsgruppe einrichten, um auch Mitglieder einzubinden, die der Kammer kritisch gegenüberstehen. Uns ist es wichtig mit allen Mitgliedern ins Gespräch zu kommen, unabhängig davon, wie sie zur Kammer stehen. Mit der Arbeitsgruppe sollen sie die Möglichkeit erhalten, die Kammerarbeit aktiv mitzugestalten. Termine der Kammerversammlung und Tagesordnungen sollen zeitnah auf der Website veröffentlicht werden, so dass sich Mitglieder besser informiert fühlen. Auch arbeiten wir daran, die Kommunikation gegenüber den 30 ehrenamtlichen Mitgliedern der Kammerversammlung noch offener und transparenter zu gestalten.

Aufgrund der Corona-Pandemie müssen wir uns nun auf das Wesentliche konzentrieren, z.B. welches Rüstzeug benötigen Pflegefachpersonen von uns, um ihre Arbeit gut erledigen zu können. Wir verstehen uns als Sprachrohr der Pflegenden gegenüber der Politik. Mit der Schließung der Schulen und Kitas aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus stehen viele Pflegende vor der Herausforderung, wie sie ihre Kinder betreuen lassen können. Etwa 85 Prozent der Pflegefachkräfte in Niedersachsen sind weiblich. Die Landesregierung sieht eine Notbetreuung nur für Kinder vor, deren Eltern beide in so genannten „systemrelevanten“ Berufen arbeiten. Hier fordern wir, dass eine Notbetreuung bereits bei einem Elternteil in einem systemrelevanten Beruf greift. Es darf nicht sein, dass die dringend benötigten Pflegefachpersonen wegen einer fehlenden Kinderbetreuung zu Hause bleiben müssen. Es gilt also die Interessen und Fragen zu koordinieren und in außergewöhnlichen Zeiten wie diesen, funktionierende Lösungen zu finden.“

Viele Pflegefachkräfte haben sich bisher nicht von der Pflegekammer vertreten gefühlt. Wie wollen Sie das ändern?

„Wir müssen mit den Mitgliedern immer wieder ins Gespräch kommen. Die Pflegekammer Niedersachsen ist die Selbstverwaltung von rund 90.000 Pflegefachpersonen in Niedersachsen. Deshalb gibt es innerhalb der Pflegekammer eine unglaubliche Meinungsvielfalt und auch unterschiedliche Ideen, wie die Situation der Pflegenden verbessert werden kann. Die Pflegekammer bietet Pflegenden in Niedersachsen die Chance, die Zukunft ihres Berufs aktiv mitzugestalten. Wir werden noch stärker über die Arbeit der Pflegekammer informieren und die Mitglieder weiter durch Mitmach-Angebote einbinden. Neben weiteren Veranstaltungen wird es bald eine neue Arbeitsgruppe der Pflegekammer geben, in der sich auch Mitglieder einbringen können, die bislang einer Kammer eher skeptisch gegenüberstehen. Als neuer Vorstand setzen wir auf Dialog, Offenheit und Mitgliederbeteiligung. Die Corona-Pandemie führt uns vor Augen, dass wir Pflegefachkräfte mehr denn je zusammenhalten müssen, um eine bestmögliche Versorgung der pflegebedürftigen Menschen sicherzustellen.“

Aktuell ist die Sorge vor dem Coronavirus allgegenwärtig – gerade alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sind besonders durch das Virus gefährdet. Melden sich Pflegefachkräfte bei Ihnen in der Geschäftsstelle zu diesem Thema? Was sind die vordringlichsten Fragen und wie reagieren Sie darauf?

„Viele Pflegefachkräfte melden sich derzeit in der Geschäftsstelle und haben Informationsbedarf rund um das Corona-Virus. Sie bewegen unterschiedliche Fragen, z.B.: Woher bekommen wir zeitnah Schutzmaterial wie Atemschutzmasken? Wie kann ich mich als Pflegefachkraft selbst vor Covid-19 schützen? Wie soll ich mich verhalten, wenn ich mich angesteckt habe? Wie verhalte ich mich als Fachkraft in einem ambulanten Dienst, wenn Pflegebedürftige eine Betreuung aus Angst vor Corona verweigern? Aktuell sammeln und clustern wir die Anfragen, um diese zeitnah zu beantworten. Auch sind wir in engem Austausch mit dem Corona-Krisenstab der Landesregierung und bieten unsere Expertise und Unterstützung an.

Mit dem Pflegefachberuferegister können wir z.B. mit Personen in Niedersachsen in Kontakt treten, die eine Ausbildung zur Pflegefachkraft absolviert haben, auch wenn diese aktuell nicht mehr in der Pflege tätig sind. Mit dem Beruferegister haben wir einen großen Pool an Fachkräften mit Pflegeerfahrung, die im Krisenfall mobilisiert werden können. Ohne die Pflegekammer wären Pflegefachpersonen in Niedersachsen nie ganzheitlich registriert worden. Alle Pflegefachpersonen müssen in diesen außergewöhnlichen Zeiten an einem Strang ziehen. Wir sind auf die Unterstützung und Expertise, z.B. auch von ehemaligen Pflegefachkräften, angewiesen. Nur so kann es gelingen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen.“

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