Niedersachsen verhängt Aufnahmestopp für Pflegeheime

Niedersachsens Gesundheits- und Sozialministerin Carola Reimann (SPD) hat am Montag einen Aufnahmestopp für Alten- und Pflegeheimen verkündet. Eine Ausnahme könne es nur geben, wenn eine 14-tägige Quarantäne für neue Bewohner gewährleistet sei. Sie monierte während der Landespressekonferenz, dass es offensichtlich in niedersächsischen Pflegeheimen zu Verletzungen von Besuchs- und Betretungsverboten gekommen sei und bezog sich auf das Wolfsburger Hanns-Lilje-Heim, in dem bereits 17 Bewohner am Coronavirus gestorben sind.

Präsident der Bundesärztekammer am Wochenende: „Heimunterbringungen forcieren“

Noch am Wochenende hatte der Präsident der Bundesärztekammer (BAEK), Klaus Reinhardt, in einer vorübergehenden Heimunterbringung eine geeignete Möglichkeit gesehen, die Hochrisikogruppe vor Coronaviren zu schützen. „Das kann im Kampf gegen die Pandemie ein entscheidender Vorteil sein. Denn in Einrichtungen ist es eigentlich gut möglich, die besonders Gefährdeten vor Covid-19 abzuschotten“, sagte Reinhardt in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ). 

Eine Kontaktsperre für die gesamte Bevölkerung sei nicht lange durchzuhalten und wäre verheerend für Gesellschaft und Wirtschaft, glaubt der Kammerpräsident. Deshalb sei es wichtig, dass ältere Familienmitglieder möglichst wenig direktem Kontakt mit Jüngeren ausgesetzt seien. Der Vorteil, den Deutschland gegenüber Italien habe, sei, dass hierzulande ein deutlich höherer Anteil der Risikogruppe in Alten- und Pflegeheimen lebten und nicht unter einem Dach mit Kindern und Enkelkindern. Gleichzeitig fordert der Ärztepräsident, dass Pflegekräfte, auch gerade im ambulanten Bereich, bessere Schutzausrüstung bekämen. Ein Übertragen des Virus von einem auf den andern Senior sei nur zu verhindern, indem die Senioren und die Pflegekräfte professionelle Mund-Nase-Schutzmasken tragen. „Auch Ärzte, die intensiv mit Älteren zu tun haben, brauchen die maximale Schutzausrüstung, und zwar sofort“, sagte Reinhardt.

„Der Vorschlag des Ärztekammerpräsidenten ist gefährlich ahnungslos.“

Dem entgegnet Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, auf Anfrage von CareCloud®: „Der Vorschlag des Ärztekammerpräsidenten ist gefährlich ahnungslos. Schließlich steigt gerade in vielen Pflegeheimen in Deutschland die Zahl der Opfer des Corona-Virus an.“ Die Nachrichten von infizierten Pflegebedürftigen und Pflegekräften sowie von Verstorbenen sei bedrückend. „Es fehlt an Atemschutzmasken, Brillen, Desinfektionsmittel und Schutzkleidung. Doch nichts geschieht, um diese Misere schnell zu beseitigen“, sagt Brysch. Deshalb seien Pflegeheime gerade ein hochgefährlicher Ort für Pflegekräfte und alte Menschen. Nicht ohne Grund versuchten jetzt viele Angehörige eine Heimunterbringung ihrer pflegebedürftigen Verwandten zu verhindern. „Es wird Zeit, dass Klaus Reinhardt schnell in der Realität ankommt“, sagt Brysch.